THE PIXEL PAINTER | HAL LASKO

Wer als Kind in der Prä-Internet-Ära groß geworden ist, kennt es:

Bei Windows 98 Paint aufmachen, irgendwelche geometrischen Formen malen oder Pixel für Pixel Zeichentrickfiguren auf den antiken Röhrenmonitor zaubern. Das hat man (natürlich neben Pinball und Minesweeper) so lange gemacht, bis sich die Eltern erbarmt und einem das erste Computerspiel gekauft haben.

Hal Lasko, 98, war schon alt, als es Paint noch nicht einmal gegeben hat. Trotzdem hat er nach dem Tod seiner Frau aus der Pixelkleckserei eine ganz eigene Kunstform gemacht. „The Pixel Painter“ – Sehenswerte, rührende Dokumentation über ihn von seinem Enkel Ryan Lasko.

THE PIXEL PAINTER | HAL LASKO

What I have to offer | Charlie Kaufman

Charlie Kaufman, Drehbuchautor von Being John Malkovich und Adaptation, hält die letzte Rede der BAFTA’s 2011 Screenwriters‘ Lecture Series und gibt seine Sicht darauf, warum wir Geschichten erzählen – und erzählen müssen.

Unterlegt sind seine Worte von den Bildern des großartigen Regisseurs Eliot Rausch (wer die Tränendrüse gekitzelt bekommen möchte, schaut sich seinen Kurzfilm Last Minutes with Oden an).  Über Rausch bin ich erst auf diese Rede aufmerksam geworden, der jeder Schreibende mindestens mal eine Chance geben sollte.

What I have to offer | Charlie Kaufman

CARLSEN IMPRESS | EIN RESÜMEE

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Quelle: carlsen.de/impress

 

Das falsche Buch des falschen Autors zur falschen Zeit im falschen Imprint. Über eine Versuchsanordnung, die ordentlich schief läuft. Eine Geschichte über die Unvermeidbarkeit des Scheiterns.

Ich wollte schon seit längerer Zeit dieses Kapitel aus meiner Schreibbiographie aufarbeiten. Dieses Jahr, in dem ich einen schriftstellerischen Neuanfang wage, erscheint mir als guter Zeitpunkt.

 

EIN GROSSES MISSVERSTÄNDNIS

 

Impress ist das eBook-Imprint von Carlsen. Seit August 2013 am Start, liefert es jeden Monat eine Fuhre an fünf eBooks aus. Kurze Zeit lief auch das zweite Imprint Instant Books nebenher, das aber schnell von seinem erfolgreichen Zwilling Impress abgehängt worden ist. Das Genrespektrum beim Imprint reicht von Romantasy bis zum klassischen Jugendbuch. Hauptsache, es gibt einen starken, männlichen Love Interest. Die Zielgruppe sollte selbsterklärend sein.

Erstmal vorweg: Programmleiterin Pia und ihr Team leisten bei Impress herausragende Arbeit. Die Betreuung, die ich dort erfahren habe, war immer absolut freundlich und professionell. Selbst in den Tagen, als klar wurde, dass sich die Wege trennen würden. Erfolge wie die Pan-Trilogie von Sandra Regnier oder die Rockstar-Reihe von Teresa Sprosser sind klare Beweise dafür.

Bis dato bin ich der einzige männliche Autor bei Impress. Das sagt schon viel darüber aus, was das große Missverständnis gewesen ist. Meine High-Fantasy-Reihe „Göttersturz“, deren erster Band einer der Starttitel von Impress war, fiel völlig aus dem Raster. Brutal, derb, kein Fokus auf Romantik, mehr „Game of Thrones“ als „Twilight“. Gerade deshalb bin ich Impress dankbar, trotzdem eine Chance mit dieser Reihe bekommen zu haben. Freue mich sogar ein wenig, dass Schreibstil und Idee scheinbar so gefallen haben, dass man über das falsche Genre hinweggesehen hat.

„Göttersturz“ war ein Experiment. Eine waghalsige Versuchanordnung. Das falsche Buch des falschen Autors zur falschen Zeit im falschen Imprint.

 

DER LABORUNFALL

 

Scheitern hat eine wunderschöne Unvermeidbarkeit. Während Erfolge manchmal unerklärlich zu sein scheinen, lassen sich die Faktoren von Misserfolgen problemlos herleiten. Siehe oben.

Ich kann nicht beurteilen, ob der erste „Göttersturz“-Teil ein guter oder schlechter war. Auf Amazon hat er 3.8/5 Sternen, auf Lovelybooks 3.5/5 Sternen und in irgendeinem Buchblog bestimmt 5/5 Büchercookiekrümel oder sowas. Knapp überdurchschnittlich also.  Warum gibt es eigentlich kein Rotten Tomatoes für Bücher?

Auf jeden Fall kann ich sagen, dass es kein erfolgreiches Buch war. Ganz im Gegenteil. Würde ich es heute noch einmal schreiben, würde ich vieles anders machen. Größerer Umfang, Charaktere weiter ausbauen, nicht immer nur im FlixBus auf der Fahrt zu meiner Freundin in Nürnberg schreiben. Aber Fehler sind ja bekanntlich da, um gemacht zu werden. Gerade beim Schreiben.

Diese Melange aus literarischem „Am falschen Ort zur falschen Zeit“ und meinem Mangel an Erfahrung führte zu den unweigerlichen Folgen:

 

„Leider kamen die Gefühle nicht gut rüber, was ich sehr schade fand. Ich wusste nicht genau, was das Efeumädchen für Gefühle hegt. Jedoch bei Corellius war es relativ eindeutlich. Außerdem war es an vielen Stellen einfach zu brutal.“

– cupakeks, Rezension auf Lovelybooks

 

„Und viel Romantik kam auch nicht in der Geschichte vor. Die Liebesgeschichte kommt meiner Meinung nach viel zu kurz. Wie Jalina für Corellius empfindet hat sich mir bis zum Ende hin nicht wirklich erschlossen.“

– meinelesewelt, Rezension auf Lovelybooks

 

Die beiden zitierten Passagen zeigen ganz gut die glibbrige Sauerei, zu der dieser Laborunfall mit einem umgekippten Reagenzglas voll „Genre verfehlt, setzen 6!“ geführt hat. Welchen Sinn dieser Eintrag auch immer haben wird, zumindest zeigt er sehr plakativ auf, wie wichtig Zielgruppe und Genre bei der Vermarktung des Buches sind.

Ob dieses Experiment auch hätte klappen können? Müßig, sich solche Fragen zu stellen. Impress ist auf jeden Fall kein Vorwurf zu machen. Sich beim Start eines neuen Imprint genretechnisch breit aufzustellen, ist ganz normal. Weder hat es an Marketing, noch an Betreuung gemangelt.

Zu meinem Glück hatte ich schon einen Vertrag über zwei Bände geschlossen, bevor abzusehen war, dass der erste ein Flop werden würde. Veröffentlichung sollte im November ’13 sein, Abgabe war im September. Also habe ich den Großteil des Schwedenurlaubs schreibend verbracht. Eine meiner besten Schreiberfahrungen, wie ich im Nachhinein sagen muss. Und auch das Ergebnis – „Göttersturz: Der Galgenaufstand“ – ist deutlich besser als der Vorgänger. Ich habe aus den Fehlern des Vorgängers gelernt, die Lovestory ausgebaut, die Figuren stärker in den Vordergrund gestellt. Hätte ich etwas mehr Zeit gehabt, wäre wohl auch der Handlungsaufbau etwas stringenter gewesen. Im Gegensatz zu vielen meiner anderen Jugendsünden ist „Galgenaufstand“ noch immer eine Story, mit der ich zufrieden bin.

Natürlich half der zweite Teil nicht, auch wenn er durch die Bank gute Kritiken bekam. Kinder und Brunnen und einmal reingefallen und so. Long story short: Es folgte noch eine Kurzgeschichte im Sammelband „Zehn Mal Fantastische Weihnachten“ und fertig war die Zeit bei Impress.

 

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Die Drei von der Tankstelle | Quelle: carlsen.de

VON PROLOGEN UND EPILOGEN

 

Die meisten Schreibratgeber raten davon ab, einen Prolog oder Epilog zu schreiben. Viele Autoren haben trotzdem eine kleine Schwäche für diese Art der Anfangs- und Schlusskapitel. Genauso wie ich.

Mein Epilog für Carlsen Impress ist gleichzeitig auch mein vorläufiger Epilog für das Veröffentlichen gewesen. Ich habe weitergeschrieben, wahrscheinlich so intensiv wie nie zuvor, tagsüber in der Werbung, abends manchmal an meinem Krimiprojekt. Ich bin dankbar für diese Zeit. Dankbar für die Erfahrungen. Dankbar für den Namen Carlsen, der mir die eine oder andere Tür geöffnet hat. Dankbar für das kleine Sümmchen Geld, das dabei rumgekommen ist.

Heute ist außer den typischen oberflächlichen Facebook-Freundschaften und ein paar vereinzelten Erwähnungen hier und da nichts mehr von meiner Zeit bei Impress übrig. Das Imprint hat sich seine eigene Romantasy-Blase mit großer Fanbase gebaut, die in mir höchstens noch eine gewisse Befremdlichkeit auslöst. Eine Welt, die nie meine gewesen ist.

Aber jeder Epilog kann auch wieder ein Prolog für eine neue Geschichte sein. Und dieses Jahr möchte ich eine neue Geschichte anfangen. Ein Romanprojekt ist abgeschlossen, weitere in der Pipeline. Dazu später mehr.

 

CARLSEN IMPRESS | EIN RESÜMEE

Die Hölle, das sind die anderen #2 – Bahn

Aus den Aufzeichnungen eines Teilzeit-Misanthropen

Bahnfahren wäre schön, wenn all die anderen Bahnfahrer nicht wären.

Wer als Student nicht den Luxus hat, einen klapprigen Gebraucht-VW von den Eltern zum Abi bekommen zu haben, endet früher oder später in der Vorhölle des öffentlichen Personnenahverkehrs.

Vom Geruch, vom Klientel und der Stimmung her erinnern die Regios an eine besonders schmuddelige Netto-Filiale. Der abgestandene Alkoholgeruch stammt dann nicht aus der Pfandrückgabe, die mal wieder ein Sammelprofi mit zwei Einkaufswagenladungen blockiert, sondern aus den immerzu leicht klebrigen Mülleimern. Ebenso klebrig sind sonst nur der Boden nach einem Bundesliga-Samstag und die Taste für die Toilettenspülung (gesetzt dem Fall, dass die Toiletten nicht gerade außer Betrieb sind).

Sowohl beim Einkauf als auch bei der Pendelfahrt (gähnend, stehend, Haut an Haut) denkt man sich: „In fünf Jahren bin ich nicht mehr hier, dann habe ich ein Auto/kaufe bei Rewe ein“, nur um kurz darauf festzustellen, dass man das vor fünf Jahren auch schon gedacht hat.

Sollte man einer der vom Glück Geküssten sein, die einen Sitzplatz erobern können, eröffnet sich eine neue Tortur: Jemand, der neben dir isst.

Eine Top 3 der nervigsten Bahn-Mahlzeiten:

3. Chips: Egal ob Krabbenchips, Stapelchips oder die Guten von Funny Frisch – es kracht und knuspert und nagt wie bei einem wiederkäuenden Eichhörnchen, wenn dein Nebenmann sie stoisch verputzt. Einzige Abwehrmaßnahme: Kopfhörer + laute Musik

2. McDoof-Zeug: Burger und Co. haben die Eigenheit, gar nicht mehr so lecker zu riechen, wenn man sie gerade nicht selbst isst. Hält lange vor und auch die nächten Fahrgastnasen dürfen sich noch an diesem Frittenfett-Wunderbaum erfreuen.

1. Döner: Du hast verloren.

Über Verspätungen, Zugausfälle und Irrfahrten wird in Blogs, auf Facebook (es gibt Leute, die sich auf der Facebook-Seite der Bahn über Verspätungen beschweren. An manchen Tagen tun mir die unterbezahlten Social-Media-Manager (also gescheiterte Geisteswissenschafts-Existenzen) sogar fast leid.)) und so einem Old-School-Medium wie Zeitungen, dessen einziges Klientel wohl bald nur noch Hipster sind, schon genug gelästert, gespottet und gewütet. (Dieses Monstrum von einem Satz musste nach dem Kurzsatzstil, den man sich unweigerlich bei der Mainstream-Schreiberei angewöhnt, einfach mal sein.) Weil schon genug über das Thema Verspätungen geredet wird, wende ich mich noch einem anderen Aspekt zu: Dem Einsteigen. Besonders unter der Woche. Besonders frühmorgens und abends um fünf Uhr.

Im Grunde ein simpler Vorgang: Zug hält. Menschen steigen aus. Wenn diese Menschen ausgestiegen sind, steigen andere Menschen ein. Zug fährt weiter. Dieser Vorgang wird allerdings durch zwei Umstände erschwert: 1.) Es sind Menschen. 2) Der Zug ist so voll wie ein osteuropäischer illegaler Tiertransport bzw. ein sibirischer Gefangenentransport nach Kolyma.

Zunächst die Aussteiger: Hier gibt es die Vertreter des mittleren Managments (Sakko mit Ellenbogenschonern (Canda), randlose Brille, zu teure Uhr (Geschenk vom Schwiegervater) und unterdurchschnittliches BWL-Studium), die schon auf den Türknopf einhämmern, bevor der Zug überhaupt eingefahren ist. Sobald die Türen sich auch nur einen Spalt weit geöffnet haben, schlängeln sie sich hindurch und bahnen sich im Stile eines Football-Spielers den Weg durch die Horde von Einsteigern.

Es folgt das Heer an Aussteigern, die mit starrem Blick aus den Türen fluten. Wenn man besonders viel Glück hat, sind auch noch ein paar Ü50-Damen mit „trendigen Kurzhaarschnitten“ dabei, wahlweise in Eierlikörgelb bis Klinkerfassadenrot, die schon morgens um halb sieben angeschickert rempel- und lachwütig sind. Hunter S. Thompson, Fear and Loathing in Las Vegas: „Sie lachten wie die Hyänen über etwas, das bestimmt nicht lustig war.“ Allseits gern gesehen sind selbstverständlich auch Spandexhosen-tragende Rentner-Radler („Das hier ist ein Fahrradabteil! Aufstehen!“) und Leute, die in ihren überdimensionierten Trolleys ihren halben Hausrat verstaut haben und einem den auch gerne gegen die Knie stoßen, die ja vom ganzen Stehen ohnehin schon ganz verspannt sind.

Zu guter Letzt noch die Fraktion „Ach, hier ist schon die Haltestelle?“, die sich in letzter Sekunde in den Strom der Aussteiger werfen, sich noch darüber beschweren, dass man doch erst mal die anderen aussteigen lassen soll, und mit Herzinfarkt-roten Gesicht ins Freie stürmen.

Kommen wir zu den Einsteigern: Ein persönlicher Favorit sind die Einzelkämpfer, die Rambos von Ratingen Hbf. Ansonsten liebende Familienväter und sorgenvolle Ehemänner, werden sie morgens um sechs Uhr dreißig zu verbissenen Berserkern, die in der Schlacht um einen Sitzplatz selbst eine Achtzigjährige mit Migrationshintergrund, Sehschwäche und Gehhilfe niederschlagen würden. Wer Frieden will, der bereite den Krieg vor – mit dem Wissen jahrelangen Pendelns positionieren sie sich schon am Rande des Bahnsteigs, bevor der Zug überhaupt eingefahren ist. Ihrer Erfahrung nach steigen dort die wenigstens Leute ein. Sobald sich das schrottreife Gefährt dem zugigen Bahnhof nähert, passen sie die genauen Haltestellen der Türen ab, stellen sich am Rand auf und stürmen hinein, sobald ihre Gegenstücke, die Drängler, draußen sind.

Besondere Erwähnung sollten auch diejenigen finden, die stets für herzzerreisende Szenen sorgen, wenn sie in allerletzter Sekunde den Zug verpassen, noch panisch auf den Türknopf drücken und gegen die Scheiben hämmern, obwohl sie doch längst wissen, dass es zu spät ist. Wieder ein Vorstellungsgespräch verpasst!

Spätestens wenn man bei diesem Anblick süffisant in seinen Pappbecher grinst und an seiner viel zu heißen, von einer überlasteten 450-Euro-Kraft gezapften Brühe von einem Kaffee nippt, weiß man eines: Bahnfahren macht jeden zum Menschenfeind.

Die Hölle, das sind die anderen #2 – Bahn

Die Hölle, das sind die anderen #1 – Kino

Aus den Aufzeichnungen eines Teilzeit-Misanthropen

Es gibt Filme, die sind so schlecht, dass sie schon wieder gut sind, und es gibt Filme, die so erbarmungswürdig langweilig sind, dass sie nicht einmal mehr zum Lachen sind, sondern höchstens noch als Narkotikum dienen können.

Die Adam-Sandler-Komödie, die vor mir über die Kinoleinwand flimmerte, gehörte definitiv zu letzterer Kategorie. Das ist zu erwarten gewesen, sagte ich mir und begab mich in meinen Hirnwindungen auf die Suche nach der Erinnerung an einen guten Film mit Adam Sandler.

Genauso gut hätte ich mich an der Kinokasse auf die Suche nach einem Snack machen können, der weniger als drei Euro kostet – Ausbeute gegen Null tendierend.

Dass ich trotz besseren Wissens in Kinosaal 8 unseres örtlichen Multiplex-Kinos saß und nicht in Saal 1, wo der neueste Tarantino lief, hatte ich meinen Freunden zu verdanken, die in demokratischer Abstimmung für dieses Machwerk gestimmt hatten.

Während ich kritisch die Zusammensetzung meines Freundeskreises überdachte, verbat es mir doch die Höflichkeit, einfach aufzustehen und zu gehen, zumal ich für das Ticket so viel gezahlt hatte, wie ich in einer ganzen Woche fürs Essen ausgab.

Also wählte ich die letzte verzweifelte Gegenmaßnahme, die man wählt, wenn man einer langweiligen Vorstellung nicht entrinnen kann und die ich schon in unzähligen Vorlesungen um 8:30, Lateinstunden in der Schule und den Gottesdiensten während meiner Konfirmantenzeit zur Perfektion getrieben hatte: Augen schließen. Arme verschränken. Sich in den Sitz drücken und wegdämmern.

Die Dunkelheit hinter meinen Lidern verschafft zwar meinem Sehsinn Erlösung, ließ mich aber nicht den Flachwitzen Sandlers entfliehen, die wie Grundrauschen durch meine Gehörgänge jagten.

Ein paar Reihen hinter mir raschelte jemand in seiner Popcorntüte, für deren Preis er höchstwahrscheinlich eine Hypothek aufgenommen hatte. Mit viel Fantasie hätte ich mir das Geräusch vielleicht noch als das Blätterrascheln der Olivenbäume an einem sizilianischen Strand vorstellen können, wäre da nicht sein stoisches Mampfen gewesen, das er selbstverständlich mit offenem Mund vollzog.

Dabei vollbrachte sein Arm die Leistung eines Schaufelbaggers und ließ den Zustrom an gepoppten Maiskörnern nicht enden. Als ich gerade glaubte, seine Wurstfinger – zumindest nahm ich an, er hätte Wurstfinger – hätten den Grund des Popcorneimers und somit seine Lärmbelästigung ein Ende gefunden, fügte er der gastronomischen Sinfonie des Schreckens ein neues Instrument hinzu: Strohhalmschlürfen.

Er trank Cola, er musst einfach Cola trinken, und saugte sie so energisch aus dem Becher, als hätte er einen dreiwöchigen Marsch durch die Wüste Gobi hinter sich. Ein Geräusch wie ein Mixer auf höchster Stufe, der irgendein Obststück nicht klein bekam.

Wäre da nicht das nie ferne Säuseln der Klimaanlage gewesen, wäre ich mir vorgekommen wie ein Proband eines sadistischen Experiments, in dem es darum ging, jemanden mithilfe möglichst nervtötender Klänge unter Schlafentzug zu setzen.

Zum ersten Mal in meinem Leben wünschte ich mir meinen Semantik-Dozenten herbei, dessen monotone Stimme mir stets das beste Schlaflied war.

Als ich mich gerade halbwegs mit der Geräuschkulisse akklimatisiert hatte, jaulte hinter mir in Trommelfell-zerfetzender Lautstärke ein Nickelback-Song auf. Er erstarb sogleich mitten in einem Wort des Sängers und jemand brüllte mit dem Bariton eines Marktschreiers: „Ey Alter, ich bin im Kino, ich kann jetzt nicht mit dir telefonieren!“

Etwas Heißes, Gallertartiges brodelte in meiner Magengrube, ich ballte die Fäuste und fuhr herum: „Und was tust du dann gerade hier? Ich will den Film sehen!“

Währen ein Kinomitarbeiter mit Fistelstimmchen meinen Worten beipflichtete, kam mir in den Sinn, dass Sartre Recht hatte: Die Hölle, das ist nicht der Film, das sind die anderen

Die Hölle, das sind die anderen #1 – Kino

Göttersturz

Bild
Mein schönstes Cover bisher?

Aus einer einzelnen Idee wird eine Fantasy-Reihe

Eigentlich mag ich keine Fantasy, die in fremden Welten spielt. Elfen mit spitzen Ohren, grobschlächtige Orks, Frauen in knappen Kettenhemd-Bikinis – das ist mir alles immer etwas zu dick aufgetragen gewesen

Wie es anscheinend bei vielen gewesen ist, hat ein Mann mit Eisenbahnermütze und Weihnachtsmann-Aussehen das geändert: George R. R. Martin. In seiner epischen Serie „Das Lied von Eis und Feuer“ tauchen phantastische Kreaturen wie Drachen nur am Rande auf. Im Vordergrund stehen machtpolitische Intrigen, Gefühle, Beziehungen. Weil er ein großes Wissen über das Mittelalter angehäuft hat, was sich u. a. an Parallelen der Handlung zu den englischen Rosenkriegen zeigt, ist seine Welt deutlich an diese raue Realität angepasst.

Ich könnte noch Ewigkeiten damit verbringen, von dieser Reihe zu schwärmen. Fakt ist, dass „Game of Thrones“ einen großen Einfluss auf eine Idee hatte, die mir ungefähr vor einem Jahr gekommen ist:

Was wäre, wenn Jungfrauen dafür ausgebildet werden, einem Gott geopfert zu werden?

Was wäre, wenn sie zu diesem Gott durch ein unwirtliches Land eskortiert werden müssten?

Was wäre, wenn einer der Eskorteure sich in die Jungfrau verlieben würde?

Das sind so in etwa die Grundgedanken für „Göttersturz“ gewesen. Es sollte nur eine Novelle sein, aber beim Schreiben merkte ich schnell, dass die Welt noch viel mehr hergeben kann. Aber ich hatte nicht vor, jedes Mal einen Wälzer von 800 Seiten zu schreiben. Stattdessen wird es immer kurze Episoden geben, etwa 150 Seiten lang, die jeweils aus der Sicht einer anderen Person geschrieben sind – mit völlig anderen Hintergründen, Persönlichkeiten und Geschichten: Diebe, Söldner, Heilerinnen, Entdeckerinnen, gescheiterte Ritter, Kinderspione und noch viele mehr.

Den Auftakt macht also „Das Efeumädchen“, Hauptperson ist Corellius Adanor, ein Söldner, der schnell in einen Gewissenskonflikt gerät: Auf der einen Seite seine aufkeimende Liebe, auf der anderen die Freundschaft zu seinem Schildbruder.

Klappentext:

Eine Legende besagt, dass nur ein Efeumädchen den Zorn des großen Gottes Orchon besänftigen kann. Nur eine Jungfrau, so erlesen und schön wie der Efeu, der in Galyrien so selten ist. Aus diesem Grund zieht alle dreißig Jahre eine vom Ewigen Konzil zusammengestellte Eskorte von Kriegern und Forschern aus, um die Erwählte zu ihrem Gott zu bringen. Der Weg dorthin ist lang und gefährlich, führt durch die unerforschten Leeren Lande, und der mitziehende Söldner Correlius ist sich alles andere als sicher, ob sie jemals heil zurückkehren werden – und ob das Efeumädchen tatsächlich den Tod verdient hat. Also schmiedet er einen Plan …

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Göttersturz