CARLSEN IMPRESS | EIN RESÜMEE

Bildschirmfoto 2016-01-18 um 19.40.57
Quelle: carlsen.de/impress

 

Das falsche Buch des falschen Autors zur falschen Zeit im falschen Imprint. Über eine Versuchsanordnung, die ordentlich schief läuft. Eine Geschichte über die Unvermeidbarkeit des Scheiterns.

Ich wollte schon seit längerer Zeit dieses Kapitel aus meiner Schreibbiographie aufarbeiten. Dieses Jahr, in dem ich einen schriftstellerischen Neuanfang wage, erscheint mir als guter Zeitpunkt.

 

EIN GROSSES MISSVERSTÄNDNIS

 

Impress ist das eBook-Imprint von Carlsen. Seit August 2013 am Start, liefert es jeden Monat eine Fuhre an fünf eBooks aus. Kurze Zeit lief auch das zweite Imprint Instant Books nebenher, das aber schnell von seinem erfolgreichen Zwilling Impress abgehängt worden ist. Das Genrespektrum beim Imprint reicht von Romantasy bis zum klassischen Jugendbuch. Hauptsache, es gibt einen starken, männlichen Love Interest. Die Zielgruppe sollte selbsterklärend sein.

Erstmal vorweg: Programmleiterin Pia und ihr Team leisten bei Impress herausragende Arbeit. Die Betreuung, die ich dort erfahren habe, war immer absolut freundlich und professionell. Selbst in den Tagen, als klar wurde, dass sich die Wege trennen würden. Erfolge wie die Pan-Trilogie von Sandra Regnier oder die Rockstar-Reihe von Teresa Sprosser sind klare Beweise dafür.

Bis dato bin ich der einzige männliche Autor bei Impress. Das sagt schon viel darüber aus, was das große Missverständnis gewesen ist. Meine High-Fantasy-Reihe „Göttersturz“, deren erster Band einer der Starttitel von Impress war, fiel völlig aus dem Raster. Brutal, derb, kein Fokus auf Romantik, mehr „Game of Thrones“ als „Twilight“. Gerade deshalb bin ich Impress dankbar, trotzdem eine Chance mit dieser Reihe bekommen zu haben. Freue mich sogar ein wenig, dass Schreibstil und Idee scheinbar so gefallen haben, dass man über das falsche Genre hinweggesehen hat.

„Göttersturz“ war ein Experiment. Eine waghalsige Versuchanordnung. Das falsche Buch des falschen Autors zur falschen Zeit im falschen Imprint.

 

DER LABORUNFALL

 

Scheitern hat eine wunderschöne Unvermeidbarkeit. Während Erfolge manchmal unerklärlich zu sein scheinen, lassen sich die Faktoren von Misserfolgen problemlos herleiten. Siehe oben.

Ich kann nicht beurteilen, ob der erste „Göttersturz“-Teil ein guter oder schlechter war. Auf Amazon hat er 3.8/5 Sternen, auf Lovelybooks 3.5/5 Sternen und in irgendeinem Buchblog bestimmt 5/5 Büchercookiekrümel oder sowas. Knapp überdurchschnittlich also.  Warum gibt es eigentlich kein Rotten Tomatoes für Bücher?

Auf jeden Fall kann ich sagen, dass es kein erfolgreiches Buch war. Ganz im Gegenteil. Würde ich es heute noch einmal schreiben, würde ich vieles anders machen. Größerer Umfang, Charaktere weiter ausbauen, nicht immer nur im FlixBus auf der Fahrt zu meiner Freundin in Nürnberg schreiben. Aber Fehler sind ja bekanntlich da, um gemacht zu werden. Gerade beim Schreiben.

Diese Melange aus literarischem „Am falschen Ort zur falschen Zeit“ und meinem Mangel an Erfahrung führte zu den unweigerlichen Folgen:

 

„Leider kamen die Gefühle nicht gut rüber, was ich sehr schade fand. Ich wusste nicht genau, was das Efeumädchen für Gefühle hegt. Jedoch bei Corellius war es relativ eindeutlich. Außerdem war es an vielen Stellen einfach zu brutal.“

– cupakeks, Rezension auf Lovelybooks

 

„Und viel Romantik kam auch nicht in der Geschichte vor. Die Liebesgeschichte kommt meiner Meinung nach viel zu kurz. Wie Jalina für Corellius empfindet hat sich mir bis zum Ende hin nicht wirklich erschlossen.“

– meinelesewelt, Rezension auf Lovelybooks

 

Die beiden zitierten Passagen zeigen ganz gut die glibbrige Sauerei, zu der dieser Laborunfall mit einem umgekippten Reagenzglas voll „Genre verfehlt, setzen 6!“ geführt hat. Welchen Sinn dieser Eintrag auch immer haben wird, zumindest zeigt er sehr plakativ auf, wie wichtig Zielgruppe und Genre bei der Vermarktung des Buches sind.

Ob dieses Experiment auch hätte klappen können? Müßig, sich solche Fragen zu stellen. Impress ist auf jeden Fall kein Vorwurf zu machen. Sich beim Start eines neuen Imprint genretechnisch breit aufzustellen, ist ganz normal. Weder hat es an Marketing, noch an Betreuung gemangelt.

Zu meinem Glück hatte ich schon einen Vertrag über zwei Bände geschlossen, bevor abzusehen war, dass der erste ein Flop werden würde. Veröffentlichung sollte im November ’13 sein, Abgabe war im September. Also habe ich den Großteil des Schwedenurlaubs schreibend verbracht. Eine meiner besten Schreiberfahrungen, wie ich im Nachhinein sagen muss. Und auch das Ergebnis – „Göttersturz: Der Galgenaufstand“ – ist deutlich besser als der Vorgänger. Ich habe aus den Fehlern des Vorgängers gelernt, die Lovestory ausgebaut, die Figuren stärker in den Vordergrund gestellt. Hätte ich etwas mehr Zeit gehabt, wäre wohl auch der Handlungsaufbau etwas stringenter gewesen. Im Gegensatz zu vielen meiner anderen Jugendsünden ist „Galgenaufstand“ noch immer eine Story, mit der ich zufrieden bin.

Natürlich half der zweite Teil nicht, auch wenn er durch die Bank gute Kritiken bekam. Kinder und Brunnen und einmal reingefallen und so. Long story short: Es folgte noch eine Kurzgeschichte im Sammelband „Zehn Mal Fantastische Weihnachten“ und fertig war die Zeit bei Impress.

 

Bildschirmfoto 2016-01-18 um 21.05.28.png
Die Drei von der Tankstelle | Quelle: carlsen.de

VON PROLOGEN UND EPILOGEN

 

Die meisten Schreibratgeber raten davon ab, einen Prolog oder Epilog zu schreiben. Viele Autoren haben trotzdem eine kleine Schwäche für diese Art der Anfangs- und Schlusskapitel. Genauso wie ich.

Mein Epilog für Carlsen Impress ist gleichzeitig auch mein vorläufiger Epilog für das Veröffentlichen gewesen. Ich habe weitergeschrieben, wahrscheinlich so intensiv wie nie zuvor, tagsüber in der Werbung, abends manchmal an meinem Krimiprojekt. Ich bin dankbar für diese Zeit. Dankbar für die Erfahrungen. Dankbar für den Namen Carlsen, der mir die eine oder andere Tür geöffnet hat. Dankbar für das kleine Sümmchen Geld, das dabei rumgekommen ist.

Heute ist außer den typischen oberflächlichen Facebook-Freundschaften und ein paar vereinzelten Erwähnungen hier und da nichts mehr von meiner Zeit bei Impress übrig. Das Imprint hat sich seine eigene Romantasy-Blase mit großer Fanbase gebaut, die in mir höchstens noch eine gewisse Befremdlichkeit auslöst. Eine Welt, die nie meine gewesen ist.

Aber jeder Epilog kann auch wieder ein Prolog für eine neue Geschichte sein. Und dieses Jahr möchte ich eine neue Geschichte anfangen. Ein Romanprojekt ist abgeschlossen, weitere in der Pipeline. Dazu später mehr.

 

Advertisements
CARLSEN IMPRESS | EIN RESÜMEE

Ein Gedanke zu “CARLSEN IMPRESS | EIN RESÜMEE

  1. Amelie Murmann schreibt:

    Ein unheimlich interessanter Beitrag.

    Ich habe mich schon immer gefragt, was aus diesen ersten Autoren bei Impress geworden ist, die heute nicht zu den großen Namen des Imprints gehören. Göttersturz habe ich schon des öfteren bei Carlsen unter den Impress Ebooks gesehen und mich schon gefragt, wie das Buch sich ins Programm verirrt hat. Mich würde tatsächlich interessieren, wie es denn eigentlich dazu kam, dass du im ersten Monat dabei warst. Hattest du dich beworben? Gab es damals schon sowas wie eine Mailadresse für Manuskripte?

    Von jemandem, der jetzt schon eine Weile in der Blase schreibt: Heute legt Impress doch mehr wert darauf, genau abzuwägen, welches Buch zur Zielgruppe passt und welches nicht. Ich denke, auch Pia & co. werden aus vergangenen Erfahrungen gelernt haben und denke fast, dass sich auch die Zielgruppe von Impress selbst mit der Zeit an den Bedarf der Leserschaft angepasst hat. Nicht ohne Grund werden die Charaktere immer älter (und die Love Interests immer Sixpackbeladener, sollte man vielleicht auch hinzufügen).
    Und dass die Impress Fanbase etc. für dich befremdlich ist, kann ich sehr gut nachvollziehen. Es hat wie du sehr richtig festgestellt hast, seine Gründe, warum es so wenige männliche Autoren bei Impress gibt (übrigens bist du ab September nicht mehr der einzige).

    Ich wünsche dir auf deinem weiteren Weg jedenfalls alles Gute! Hoffentlich findest du noch den Verlag und die Zielgruppe, die tatsächlich zu deinen Büchern passen.

    Liebe Grüße aus Moers

    Amelie Murmann

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s