Die Hölle, das sind die anderen #1 – Kino

Aus den Aufzeichnungen eines Teilzeit-Misanthropen

Es gibt Filme, die sind so schlecht, dass sie schon wieder gut sind, und es gibt Filme, die so erbarmungswürdig langweilig sind, dass sie nicht einmal mehr zum Lachen sind, sondern höchstens noch als Narkotikum dienen können.

Die Adam-Sandler-Komödie, die vor mir über die Kinoleinwand flimmerte, gehörte definitiv zu letzterer Kategorie. Das ist zu erwarten gewesen, sagte ich mir und begab mich in meinen Hirnwindungen auf die Suche nach der Erinnerung an einen guten Film mit Adam Sandler.

Genauso gut hätte ich mich an der Kinokasse auf die Suche nach einem Snack machen können, der weniger als drei Euro kostet – Ausbeute gegen Null tendierend.

Dass ich trotz besseren Wissens in Kinosaal 8 unseres örtlichen Multiplex-Kinos saß und nicht in Saal 1, wo der neueste Tarantino lief, hatte ich meinen Freunden zu verdanken, die in demokratischer Abstimmung für dieses Machwerk gestimmt hatten.

Während ich kritisch die Zusammensetzung meines Freundeskreises überdachte, verbat es mir doch die Höflichkeit, einfach aufzustehen und zu gehen, zumal ich für das Ticket so viel gezahlt hatte, wie ich in einer ganzen Woche fürs Essen ausgab.

Also wählte ich die letzte verzweifelte Gegenmaßnahme, die man wählt, wenn man einer langweiligen Vorstellung nicht entrinnen kann und die ich schon in unzähligen Vorlesungen um 8:30, Lateinstunden in der Schule und den Gottesdiensten während meiner Konfirmantenzeit zur Perfektion getrieben hatte: Augen schließen. Arme verschränken. Sich in den Sitz drücken und wegdämmern.

Die Dunkelheit hinter meinen Lidern verschafft zwar meinem Sehsinn Erlösung, ließ mich aber nicht den Flachwitzen Sandlers entfliehen, die wie Grundrauschen durch meine Gehörgänge jagten.

Ein paar Reihen hinter mir raschelte jemand in seiner Popcorntüte, für deren Preis er höchstwahrscheinlich eine Hypothek aufgenommen hatte. Mit viel Fantasie hätte ich mir das Geräusch vielleicht noch als das Blätterrascheln der Olivenbäume an einem sizilianischen Strand vorstellen können, wäre da nicht sein stoisches Mampfen gewesen, das er selbstverständlich mit offenem Mund vollzog.

Dabei vollbrachte sein Arm die Leistung eines Schaufelbaggers und ließ den Zustrom an gepoppten Maiskörnern nicht enden. Als ich gerade glaubte, seine Wurstfinger – zumindest nahm ich an, er hätte Wurstfinger – hätten den Grund des Popcorneimers und somit seine Lärmbelästigung ein Ende gefunden, fügte er der gastronomischen Sinfonie des Schreckens ein neues Instrument hinzu: Strohhalmschlürfen.

Er trank Cola, er musst einfach Cola trinken, und saugte sie so energisch aus dem Becher, als hätte er einen dreiwöchigen Marsch durch die Wüste Gobi hinter sich. Ein Geräusch wie ein Mixer auf höchster Stufe, der irgendein Obststück nicht klein bekam.

Wäre da nicht das nie ferne Säuseln der Klimaanlage gewesen, wäre ich mir vorgekommen wie ein Proband eines sadistischen Experiments, in dem es darum ging, jemanden mithilfe möglichst nervtötender Klänge unter Schlafentzug zu setzen.

Zum ersten Mal in meinem Leben wünschte ich mir meinen Semantik-Dozenten herbei, dessen monotone Stimme mir stets das beste Schlaflied war.

Als ich mich gerade halbwegs mit der Geräuschkulisse akklimatisiert hatte, jaulte hinter mir in Trommelfell-zerfetzender Lautstärke ein Nickelback-Song auf. Er erstarb sogleich mitten in einem Wort des Sängers und jemand brüllte mit dem Bariton eines Marktschreiers: „Ey Alter, ich bin im Kino, ich kann jetzt nicht mit dir telefonieren!“

Etwas Heißes, Gallertartiges brodelte in meiner Magengrube, ich ballte die Fäuste und fuhr herum: „Und was tust du dann gerade hier? Ich will den Film sehen!“

Währen ein Kinomitarbeiter mit Fistelstimmchen meinen Worten beipflichtete, kam mir in den Sinn, dass Sartre Recht hatte: Die Hölle, das ist nicht der Film, das sind die anderen

Advertisements
Die Hölle, das sind die anderen #1 – Kino