Die Hölle, das sind die anderen #2 – Bahn

Aus den Aufzeichnungen eines Teilzeit-Misanthropen

Bahnfahren wäre schön, wenn all die anderen Bahnfahrer nicht wären.

Wer als Student nicht den Luxus hat, einen klapprigen Gebraucht-VW von den Eltern zum Abi bekommen zu haben, endet früher oder später in der Vorhölle des öffentlichen Personnenahverkehrs.

Vom Geruch, vom Klientel und der Stimmung her erinnern die Regios an eine besonders schmuddelige Netto-Filiale. Der abgestandene Alkoholgeruch stammt dann nicht aus der Pfandrückgabe, die mal wieder ein Sammelprofi mit zwei Einkaufswagenladungen blockiert, sondern aus den immerzu leicht klebrigen Mülleimern. Ebenso klebrig sind sonst nur der Boden nach einem Bundesliga-Samstag und die Taste für die Toilettenspülung (gesetzt dem Fall, dass die Toiletten nicht gerade außer Betrieb sind).

Sowohl beim Einkauf als auch bei der Pendelfahrt (gähnend, stehend, Haut an Haut) denkt man sich: „In fünf Jahren bin ich nicht mehr hier, dann habe ich ein Auto/kaufe bei Rewe ein“, nur um kurz darauf festzustellen, dass man das vor fünf Jahren auch schon gedacht hat.

Sollte man einer der vom Glück Geküssten sein, die einen Sitzplatz erobern können, eröffnet sich eine neue Tortur: Jemand, der neben dir isst.

Eine Top 3 der nervigsten Bahn-Mahlzeiten:

3. Chips: Egal ob Krabbenchips, Stapelchips oder die Guten von Funny Frisch – es kracht und knuspert und nagt wie bei einem wiederkäuenden Eichhörnchen, wenn dein Nebenmann sie stoisch verputzt. Einzige Abwehrmaßnahme: Kopfhörer + laute Musik

2. McDoof-Zeug: Burger und Co. haben die Eigenheit, gar nicht mehr so lecker zu riechen, wenn man sie gerade nicht selbst isst. Hält lange vor und auch die nächten Fahrgastnasen dürfen sich noch an diesem Frittenfett-Wunderbaum erfreuen.

1. Döner: Du hast verloren.

Über Verspätungen, Zugausfälle und Irrfahrten wird in Blogs, auf Facebook (es gibt Leute, die sich auf der Facebook-Seite der Bahn über Verspätungen beschweren. An manchen Tagen tun mir die unterbezahlten Social-Media-Manager (also gescheiterte Geisteswissenschafts-Existenzen) sogar fast leid.)) und so einem Old-School-Medium wie Zeitungen, dessen einziges Klientel wohl bald nur noch Hipster sind, schon genug gelästert, gespottet und gewütet. (Dieses Monstrum von einem Satz musste nach dem Kurzsatzstil, den man sich unweigerlich bei der Mainstream-Schreiberei angewöhnt, einfach mal sein.) Weil schon genug über das Thema Verspätungen geredet wird, wende ich mich noch einem anderen Aspekt zu: Dem Einsteigen. Besonders unter der Woche. Besonders frühmorgens und abends um fünf Uhr.

Im Grunde ein simpler Vorgang: Zug hält. Menschen steigen aus. Wenn diese Menschen ausgestiegen sind, steigen andere Menschen ein. Zug fährt weiter. Dieser Vorgang wird allerdings durch zwei Umstände erschwert: 1.) Es sind Menschen. 2) Der Zug ist so voll wie ein osteuropäischer illegaler Tiertransport bzw. ein sibirischer Gefangenentransport nach Kolyma.

Zunächst die Aussteiger: Hier gibt es die Vertreter des mittleren Managments (Sakko mit Ellenbogenschonern (Canda), randlose Brille, zu teure Uhr (Geschenk vom Schwiegervater) und unterdurchschnittliches BWL-Studium), die schon auf den Türknopf einhämmern, bevor der Zug überhaupt eingefahren ist. Sobald die Türen sich auch nur einen Spalt weit geöffnet haben, schlängeln sie sich hindurch und bahnen sich im Stile eines Football-Spielers den Weg durch die Horde von Einsteigern.

Es folgt das Heer an Aussteigern, die mit starrem Blick aus den Türen fluten. Wenn man besonders viel Glück hat, sind auch noch ein paar Ü50-Damen mit „trendigen Kurzhaarschnitten“ dabei, wahlweise in Eierlikörgelb bis Klinkerfassadenrot, die schon morgens um halb sieben angeschickert rempel- und lachwütig sind. Hunter S. Thompson, Fear and Loathing in Las Vegas: „Sie lachten wie die Hyänen über etwas, das bestimmt nicht lustig war.“ Allseits gern gesehen sind selbstverständlich auch Spandexhosen-tragende Rentner-Radler („Das hier ist ein Fahrradabteil! Aufstehen!“) und Leute, die in ihren überdimensionierten Trolleys ihren halben Hausrat verstaut haben und einem den auch gerne gegen die Knie stoßen, die ja vom ganzen Stehen ohnehin schon ganz verspannt sind.

Zu guter Letzt noch die Fraktion „Ach, hier ist schon die Haltestelle?“, die sich in letzter Sekunde in den Strom der Aussteiger werfen, sich noch darüber beschweren, dass man doch erst mal die anderen aussteigen lassen soll, und mit Herzinfarkt-roten Gesicht ins Freie stürmen.

Kommen wir zu den Einsteigern: Ein persönlicher Favorit sind die Einzelkämpfer, die Rambos von Ratingen Hbf. Ansonsten liebende Familienväter und sorgenvolle Ehemänner, werden sie morgens um sechs Uhr dreißig zu verbissenen Berserkern, die in der Schlacht um einen Sitzplatz selbst eine Achtzigjährige mit Migrationshintergrund, Sehschwäche und Gehhilfe niederschlagen würden. Wer Frieden will, der bereite den Krieg vor – mit dem Wissen jahrelangen Pendelns positionieren sie sich schon am Rande des Bahnsteigs, bevor der Zug überhaupt eingefahren ist. Ihrer Erfahrung nach steigen dort die wenigstens Leute ein. Sobald sich das schrottreife Gefährt dem zugigen Bahnhof nähert, passen sie die genauen Haltestellen der Türen ab, stellen sich am Rand auf und stürmen hinein, sobald ihre Gegenstücke, die Drängler, draußen sind.

Besondere Erwähnung sollten auch diejenigen finden, die stets für herzzerreisende Szenen sorgen, wenn sie in allerletzter Sekunde den Zug verpassen, noch panisch auf den Türknopf drücken und gegen die Scheiben hämmern, obwohl sie doch längst wissen, dass es zu spät ist. Wieder ein Vorstellungsgespräch verpasst!

Spätestens wenn man bei diesem Anblick süffisant in seinen Pappbecher grinst und an seiner viel zu heißen, von einer überlasteten 450-Euro-Kraft gezapften Brühe von einem Kaffee nippt, weiß man eines: Bahnfahren macht jeden zum Menschenfeind.

Die Hölle, das sind die anderen #2 – Bahn